Einmal Almaty-Sandyktau und zurück

© ds, See

„Astanaaaa, pojedjem v Astanuuu, za 2000 Tenge na lechkovoj maschinje!“ – Die kurzhaarige, kräftige Kasachin auf dem Bahnhofsvorplatz von Kokschetau ist in eine derbe Strickjacke gewandet. Nach 13 Stunden im luftdicht verschlossenen TALGO-„Express“ Almaty – Astana und fünf Stunden Fahrt im überheizten Vorortzug Astana-Kokschetau tut die frische Luft gut. Ich schleppe meinen Rucksack zu der Frau mit der beeindruckenden Marktschreierstimme und frage sie ungläubig, ob die 300 Kilometer bin Astana wirklich nur 2000 Tenge kosten. Sie heißt Roza und bejaht, wenn das Auto voll sei und jeder zahle, dann schon. Diese Auskunft beruhigt mich, muss ich doch in zwei Tagen zurück in die Hauptstadt, um dort meinen Nachtflug nach Almaty zu erwischen.

Meine beiden Kolleginnen Ajgul und Zhanar vom Informations- und Ressourcenzentrum Ökotourismus (IRZÖ), Majra vom Tourismus-Lehrstuhl der Turan-Universität und ich schnappen uns ein Taxi und fahren zu EKOS. So heißt das lokale Koordinationszentrum für die ländlichen Gästehäuser der Gebiet Karaganda und Akmola. In nur 10 Minuten haben wir die Stadt durchmessen, wer aus Almaty kommt, empfindet Kokschetau als Dorf. Die gleichen schnurgeraden Straßen, aber kein Stau. Die üblichen sowjetischen Plattenbauten ragen irgendwie linkisch aus dem Meer von Holzhäuschen, denen man ihr Alter ansieht. Trotzdem verströmen sie eine Aura von Wärme und Geborgenheit. EKOS befindet sich im düsteren Erdgeschoss eines Plattenbaues am Stadtrand, am Fuße des Hügels Kopa, der vor knapp 200 Jahren von den hier einreitenden Kosaken mit dem Berg Kokschetau 100 km weiter südlich verwechselt wurde. Eigentlich sollten sie dort ein Fort mit Stanitsa errichten, durch ihren Irrtum entstand die Befestigungsanlage jedoch hier, am Ufer eines großen Sees, schön anzuschauen, aber zum Baden leider ungeeignet, die ötliche Kanalisation ist nicht ganz dicht.

Irina und Karlygasch von EKOS haben kein schönes Büro. Zum Repräsentieren taugt es nicht, alles hier sieht nach Arbeit aus. Die beiden Frauen sind noch beschäftigt, wir gehen Mittagessen in ein benachbartes armenisches Restaurant. Gegen 17 Uhr hat sich die Gruppe versammelt, wir verlassen Kokschetau in einem Kleinbus in Richtung Südwesten. Unser Ziel heißt Sandyktau, hier soll eine dreitägige Schulung von Betreibern ländlicher Gästehäuser der Gebiete Karaganda und Akmola stattfinden. Ich habe einen Tag Zeit für mein Thema ¡Besonderheiten des Empfangs ausländischer Touristen“. Im Klartext bedeutet das: Ich soll den Gastgebern Mut machen, ausländische Gäste zu empfangen, ihnen alles über deren „Besonderheiten“ verraten und Rezepte zur Steigerung des Touristenaufkommens kundtun.

© ds, Brot und Salz

Als wir nach zwei Stunden Fahrt durch wald- und seenreiches Hügelland im Abendrot in Sandyktau ankommen und unser Gästehaus in Sicht kommt, beschließe ich, mein Thema zu ändern. Da stehen drei Frauen und heißen uns mit Brot und Salz willkommen, singen Willkommenslieder und lächeln uns erwartungsvoll an. Ich bin überrumpelt. Schon 28 Jahre bin ich in Russland und weiter östlich unterwegs – und hier werde ich zum ersten Mal mit dieser sprichwörtlichen Geste empfangen.

Es riecht nach Dorf. Hunde kläffen, Kühe trotten über die Dorfstraße und bleiben vor ihren Hoftoren stehen, bis ihnen jemand öffnet. Die Kälber gegenüber blöken zum Steinerweichen, ausgerechnet ihre Mutter ist noch nicht von der Weide zurück. Wir durchmessen mit drei Schritten den kleinen Vorgarten mit den Herbstblumen und betreten das Haus, einen soliden Steinbau inmitten der kleinen Kosakenholzhäuser mit ihren üppigen Schnitzereien. Eine kleine, abgearbeitet aussehende Frau mit freundlichen Augen zeigt uns unsere geräumigen Zimmer. Sie sind hell und sauber, schlicht, aber zweckmäßig eingerichtet.

Im Korridor steht neben einem Diwan der Computer, mit Internetanschluss!

Im Badezimmer gibt es in einem Verschlag ein WC, was mich überrascht, erwartet hatte ich ein Plumpsklo auf dem Hof. Auch eine Wanne ist da, aber sie ist voller grüner Tomaten. Baden fällt also aus, naja, nicht so schlimm.

Nach 10 Minuten werden wir in die Küche gerufen und bekommen ein Essen aufgetischt, dessen Zutaten alle vom eigenen Hof und aus den Wäldern der Umgebung kommen. Natascha baut Kartoffeln, Zwiebeln und Gemüse an, hat Hühner, Schweine und Kühe. Die eingelegten Pilze und der Krautsalat verweilen nicht lange auf unseren Tellern, das selbstgebackene Brot ist noch warm, der Rahm ist eine Verführung, die Butter auch, und die Apfelwarenje zum Tee ist nach fünf Minuten spurlos verschwunden. Ich schlafe tief und fest, kein Hundegebell oder Hahnengeschrei weckt mich.

Die Schulung am nächsten Tag wird umgekrempelt zum Erfahrungsaustausch. Wir stellen uns vor, jeder erzählt lange über sich. Ich möchte wissen, wie lange es diese Gästehäuser gibt, was sich ihre Betreiber erhoffen und wie viele Gäste pro Jahr kommen – und mir ist, als hätte ich in ein Wespennest gestochen. Nataschas Statistik ist exemplarisch, sie hatte in diesem Jahr drei Gäste, sie blieben ein Wochenende lang. Wir kommen ziemlich schnell zu dem Schluss, dass es nicht ausreicht, dass die Gastgeber etwas über die Besonderheiten ihrer Gäste wissen und sie entsprechend empfangen und betreuen können. Der Gast weiß ja bisher nicht einmal, dass es in diesen Orten Gastgeber gibt!

© ds, Feldweg

Der potentielle Gast arbeitet in Astana und weiß nicht, wo er sich am Wochenende erholen soll. Er war in Borowoje und fand es überfüllt, es war vielleicht auch an den Seen zwischen Tengiz und Korgal'zhyn und hat über die Mücken geflucht. Er hat keine Ahnung, dass er nur zweieinhalb Stunden nordwestlich von Astana beerenreiche Gegenden findet, mit Märchenwäldern, wo es noch Elche gibt, wo er Pilze suchen und finden kann, wo man in großen und kleinen Wald- und Steppenseen baden kann, ohne sich den Strand mit Tausenden anderen Erholungssuchenden zu teilen. Er weiß nichts von Nataschas Haus und von den ca. 20 anderen Gästehäusern in Sandyktau, Imantau und Ajyrtau, er würde sich wundern, wenn ihm einer erzählen würde, dass er dort für umgerechnet 20 Euro nicht nur „bed & breakfast“, sondern echte biologisch-dynamische Vollpension bekommt. Es ist kein komfortabler Urlaub, der einen hier erwartet, es ist eine Reise in die Vergangenheit. So sah es bei unseren Großeltern auf den deutschen Dörfern der 50er Jahre auch noch aus. Es kommt kein heißes Wasser aus der Wand, aber dafür warme Milch aus dem Euter, und wenn man will, kann man bei Natascha sogar einen Melkkurs machen.

Ich wollte das tun, und habe dann stattdessen auf einem Schemel neben ihr gesessen und mir ihre Lebensgeschichte angehört. Seitdem weiß ich, dass ich ihr helfen muss und will, mehr Gäste in ihr Gästehaus zu holen. Wenn man Nataschas Geschichte kennt, versteht man, warum ländlicher Tourismus die einzige Chance für solche Gegenden ist, aus ihrer himmlischen Verschnarchtheit etwas Gutes und sogar ein bisschen Wohlstand für die verbliebenen Einwohner zu machen.

Natascha ist 46. Ich hätte sie für älter geschützt, wenn da nicht in ihrem manchmal müden Gesicht ihre Augen wären, jung, neugierig, unruhig. Vor 12 Jahren hat sie ihren Mann verloren. Am 24. Dezember war er mit einem Freund im Traktor in den Wald gefahren, um einen Baum für's Jolkafest zu holen. Die Wälder sind groß. Abends kam der Buran. Er stürmte die ganze Nacht, man konnte die Hand nicht vor den Augen sehen, bei minus 40 Grad traute sich keiner mehr ins Freie. Nach zwei Tagen fand man den Traktor in einer Schneewehe. Beide Männer waren erfroren. Die Kinder waren damals 2, 5 und 6. Natascha hat nie wieder geheiratet. Mein Mann war so gut, sagt sie, ich habe nie wieder so einen gefunden, alle vergleiche ich mit ihm. Sie hat die Kinder ganz allein durchgebracht. Der Garten und das Vieh haben sie ernährt. Beim Heumachen für den Winter haben die Nachbarn geholfen, jetzt macht es der jüngste Sohn, der schmächtige Vierzehnjährige. Die beiden Großen sind in Kokschetau, studieren Tourismuswirtschaft und Computertechnik. Woher sie die Studiengebühren nimmt, sagt sie mir nicht. Aber es ist schwer vorzustellen, dass ihr Buchhaltergehalt von ca. 100 Euro dafür reicht. Natascha hofft auf Gäste. Als die Familie aus Astana hier war, sagt sie lächelnd, wollte der kleine Junge gar nicht weg von den Katzen, Hunden, Hühnern und Schweinen. Er hat mir immer beim Melken zugeguckt, und seine Eltern waren so froh, mal richtig Ruhe zu haben und saubere Luft. Wir sind jetzt in der Winterküche, der Separator verwandelt die euterfrische Milch in Sahne, es ist 22 Uhr, langsam nähert sich das Ende des Arbeitstages. Wir reden über das, was man hier in der Gegend machen kann, damit der Urlaub nicht nur verschlafen wird. Angeln – die Seen sind voller Karpfen, Barsche, Hechte. Reiten. Im Winter mit dem Pferdeschlitten fahren. Der sprichwörtliche Beeren- und Pilzreichtum. Nachbar Sergej sammelte im vorigen Jahr 150 kg Pilze und marinierte sie, um sie einem Restaurant in Astana zu verkaufen, Davon hat er die Studiengebühren seiner beiden Söhne bezahlt. Irgendwie kommen wir hier alle so durch, sagt Natascha. Und wir helfen uns gegenseitig.

Das will man gern glauben. Der Bürgermeister des Ortes hat sich am Morgen bei der Schulung vorgestellt. Für ihn ist der Tourismus ein potentieller Wirtschaftfaktor. Er hat sein Dorf gut im Griff, macht den Leuten Mut, etwas Neues zu wagen. Hier könnte es klappen, das Konzept vom community based tourism, das nur funktioniert, wenn die Dorfgemeinschaft zusammenhält. Nun müssten nur noch die Touristen kommen.

© ds, Idylle

Wir reden darüber, wie gutes Marketing funktioniert, welche Werbemöglichkeiten kostengünstig erschlossen werden können. Weder das Informations- und Ressourcenzentrum Ökotourismus (IRZÖ) noch die enthusiastischen regionalen Koordinatorinnen von EKOS schwimmen im Geld. Es fragt sich, ob solche Initiativen in einem Land, das vor allem auf gigantomanische Tourismusprojekte setzt, ohne Hilfe von außen eine Chance haben. Ich kann ein Jahr lang Aufbauhilfe leisten und die Werbetrommel rühren, kostenlos, weil meine Arbeit hier von CIM (Centrum für internationale Migration und Entwicklung) unterstützt, also mit Mitteln der deutschen Entwicklungszusammenarbeit gefördert wird. Und dann? Die Gästehäuser müssen so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen. Wenn ihr Bekanntheitsgrad steigt, kommen die Gäste fast von selbst. Das Hauptergebnis der „Schulung“ ist, dass alle beschließen, jetzt nicht aufzugeben.

Natascha schenkt mir zum Abschied ein Glas dieser fantastischen marinierten Pilze. Wir einigen uns darauf, dass ich im nächsten Jahr die Pilze für das folgende Glas selbst im Elchwald suche und sie mir dann das Marinieren beibringt. Und vielleicht lerne ich ja doch noch das Melken.

Mein Rückweg verläuft reibungslos. Der pilzesammelnde Nachbar Sergej führt mich in seinem alten, tapferen Zhiguli nach Kokschetau, ich finde Roza auf dem Bahnhofsvorplatz und lasse mich von ihr in ein Taxi nach Astana setzen. Nach 30 Minuten sind wir zu viert und fahren los. Es kostet wirklich nur 2000 Tenge, und nach vier Stunden bin ich angekommen. Eine fast fertige Schnellstraße verbindet die beiden Städte, es ist ein schönes Gleiten durch die wellige Landschaft der „Sary Arka“. Der gelbe Rücken der Steppe trägt hier idyllische Inselchen aus Birken- und Kiefernwäldern, erst kurz vor Astana wird die Landschaft eintönig. Unterwegs stelle ich fest, dass es eine Abkürzung über Zerenda gibt, es ist also wirklich möglich, in 3 bis 4 Stunden von Astana nach Sandyktau zu fahren.

Astana empf#ngt mich mit dem üblichen Feierabendstau. Ich stiere frustriert aus dem Auto. An der Bushaltestelle steht ein junger Bärtiger in einer Ordenstracht. Unter der langen schwarzen Kutte trägt er klobige Boots, in der Hand hält er eine Plastiktüte. Er fängt meinen Blick auf und lächelt unsicher. Er wirkt fremd wie ein Außerirdischer. Ich fühle mich genauso. Nach einer halben Stunde im stehenden Verkehr, inmitten von Gehupe und Abgasgestank, stelle ich fest, dass ich Sehnsucht habe nach Syndyktau und Natascha.

Kontakt

Zentrale des Zentrums für Ökotourismus (Ecotourism Information Ressource Center)

Almaty, ulitsa Tulebajewa 174 / Ecke ulitsa Schewtschenko und ulitsa Kurmangazy

Tel. +7 (727) 2 72 39 60
Fax +7 (727) 2 72 53 63
E-Mail ecocentre.kz@gmail.com, kasachstanreisen@aol.com (deutsch)
Website www.eco-tourism.kz
Öffnungszeiten Mo-Fr 09.00-18.00

Gästehäuser im Gebiet Kokschetau

Verein „Ekos“, Irina Kostitsyna und Karlygasch Sulejmenowa
Kokschetau, ulitsa Tschapajewa 37

Tel. +7 7162 266460, +7 701 1695946, +7 701 2577853
E-Mail 1963.63@mail.ru, akmol-ekos@mail.ru, irina1963.63@mail.ru