Einmal Almaty-Ridder und zurück

Gerade versuche ich, mich an Johannas Rat zu halten und meine Wirbelsäule frei schwingen zu lassen, während die Sitzmuskeln sich, stark angespannt, auf die durchgesessene Rückbank dieses grünen Vehikels pressen. So hatte es im vorigen Jahr auf den launischen Pisten im mongolischen Altaj auch funktioniert – die gesamte Gruppe war ohne Bandscheibenschäden davongekommen, dank der guten Tipps einer mitreisenden Berliner Physiotherapeutin mit fast 50-jähriger Berufserfahrung.

© ds, LUAZ – motorisierte Bergziege

Aber hier habe ich Zweifel. Das komische Auto namens LUAZ quält sich mit einer gefühlten Geschwindigkeit von fünf Kilometern pro Stunde den Berg hinauf, über Stock und Stein, auf einem Weg, der ideal zum Wandern scheint. 1000 sitzend verbrachte Flugkilometer Almaty-Öskemen liegen hinter uns, drei Stunden Fahrt Öskemen – Ridder, wieder sitzend. Wie schön wäre es, jetzt zu laufen, unter diesen goldgelben Birken, die wie Fackeln in der oktoberblassen Nadelwaldtaiga leuchten. Die 20 Kilometer bis zur Imkerei würden wir in vier bis fünf Stunden schaffen. Stattdessen halte ich mit der einen Hand meinen Rucksack fest, damit er mir bei besonders großen Sprüngen nicht um die Ohren fliegt – und mit der anderen reiße ich Stückchen für Stückchen der knusprigen Kruste von einem der sechs Weißbrote ab, die wir vor einer Stunde backwarm in Ridder gekauft haben. Verstohlen schiebe ich mir nach und nach das halbe Brot in den Mund und finde, es ist das beste Brot meines Lebens. Gennadi selbst hatte mich dazu aufgefordert, offenbar ohne Vorstellung vom Ausmaß meines Heißhungers.

Gennadi war mir merkwürdig vorgekommen, irgendwie fahrig, mürrisch, völlig deplaziert in dieser skurrilen Stadt, einer Mischung aus Bergbaumuseum, Wildwestkulisse und unfertiger sowjetischer Mustersiedlung. Leninogorsk im kasachischen Altaj, auch Erzaltaj genannt. Früher hieß der Ort Ridder, benannt nach einem deutschstämmigen Geologen, der hier für den russischen Zaren bedeutende Vorkommen von Buntmetallen entdeckt hatte. Und jetzt hat die Stadt den alten Namen wieder. Das, was zwischen dem früheren und dem heutigen Ridder war, Leninogorsk also, konnte nur durch die Arbeit von enteigneten sogenannten Kulaken, von politischen Sträflingen, deutschen und japanischen Kriegsgefangenen zu solchem Wohlstand aufsteigen, wie er zu spätsowjetischen Zeiten hier herrschte. Alle, die heute noch hier sind, träumen davon. Sie haben es in den letzten 15 Jahren nicht leicht gehabt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion ging hier alles den Bach, sprich, die Uba runter. Eine ganze Stadt hatte keine Arbeit mehr. Erst heute berappelt man sich wieder. Mühselig freilich. Nicht alle, die früher im Bergbau Arbeit hatten, sind heute beim Arbeitgeber KazZink gefragt. Viele versuchen sich im Handel und Kleingewerbe. Gennadis Frau Anna arbeitet in einem Textilgeschäft, Gennadi selbst sucht sein Auskommen in der Imkerei und im Tourismus. Auf seine Imkerei fahren wir jetzt, er will uns sein Gästehaus zeigen. Ich bin skeptisch.

© ds, Imkerei

Nachdem das Auto mit einer Bugwelle durch das Flüsschen Tischicha gerumpelt war und die letzten Häuser hinter einem Gehölz verschwanden, nahm Gennadi die Brille ab und steckte sich auf dem Beifahrersitz aus. Er brannte sich eine Kent an, drehte sich um und grinste befreit. Er sah plötzlich zehn Jahre jünger aus, entspannt und ein bisschen verwegen. Seitdem geht es bergauf, mit dem Auto und mit meiner Laune auch.

Als wir den Bergbach Serzhicha queren und gleich darauf vor ein paar Blockhäusern halten, ist es schon später Nachmittag. Die Sonne ist endlich da, sie steht eine Handbreit über dem Bergrücken im Westen und taucht die ganze Szenerie in ein unglaubliches Licht. Ich lasse den verstaubten Rucksack achtlos vor der Blockhütte liegen und stürme mit der Kamera los, um die verbleibenden Minuten für eine Fotoorgie zu nutzen.

Als ich nach 20 Minuten zurückkomme, liegen unsere Sachen auf der Veranda, Gennadi und Marat sitzen rauchend auf der Vortreppe und Marat will wissen, ob ich das Innere unserer Unterkunft schon gesehen habe. Nein, habe ich nicht. Aber schon das äußere ist beeindruckend. Nach meiner Erfahrung mit anderem Imkereien im Westaltaj hatte ich eine verrauchte, finstere Bruchbude erwartet - hier aber stehen neben der alten Imkerbude zwei nagelneue Blockhäuser, denen man ansieht, dass hier ein Meister sein Handwerk versteht. Ich trete über die Schwelle und finde mich in einem hellen, sauberen Raum mit drei Betten, Sofa, kleiner Küche und Ofen wieder, alles zweckmäßig und liebevoll eingerichtet. Das andere Haus ist etwas schlichter, es besteht aus einem großen Schlafraum für vier Personen. überall riecht es nach frischem Holz. Draußen quillt verheißungsvoll Rauch aus dem Schornstein der Banja, und im meine im letzten Tageslicht durchgeführte kritische Toiletteninspektion ergibt, dass man auf diesem sauberen Plumpsklo sogar gemütlich sitzen kann.

© ds, Zimovjo

Wir richten uns für zwei Tage in unserem Häuschen ein, dann ruft uns Andrej zum Abendessen. Gennadis Bau- und Bienenhelfer ist immer hier oben, sommers wie winters. Seine einzige Verbindung zur Außenwelt ist ein Mobiltelefon, welches nur funktioniert, wenn man es zum Fenster hinaushält, genau zwischen die beiden kleinen Solarkollektoren auf dem Sims. Andrej hat aus selbstgezogenen Kartoffeln und den von uns mitgebrachten Fleischkonserven etwas Gulaschähnliches gekocht. Es riecht gut, aber ich esse nur frisches Brot mit Butter und Honig direkt aus der Wabe und schwöre, dass ich bis zur Abreise nichts anderes brauche. (P.S. Diesen Schwur einzuhalten war überhaupt nicht schwer!) Während sich nach dem Essen bei vielen Tassen Tee mit Honig die Bude mit dem Rauch von starken Draufgängerzigaretten fällt, gerät Gennadi in Fahrt und erzählt uns von seiner Vergangenheit. Vor uns sitzt ein Abenteurer zwischen Kamtschatka, Polarkreis, dem fernen Osten, Sibirien und dem Altaj, dessen seriöseste Beschäftigung lange Zeit die Zobeljagd war. Erst diese entlegene Imkerei hier brachte ihn dazu, das unstete Leben und den Alkohol aufzugeben. Mit Propolis hat er seine Leber wieder lebensfähig gemacht, den Umgang mit den Bienenvölkern hat er sich selbst mit einem alten Handbuch rumänischer rund deutscher Imker beigebracht – stolz zeigt er uns das zerlesene Exemplar, das wie eine Bibel auf dem Regal über seiner Pritsche liegt. Nach dem Ertrag gefragt, kommt er ins Schwärmen und zählt die Pflanzen auf, die von den Bienen angeflogen werden und welchen Einfluss die Mischung auf den Geschmack und die Heilwirkung hat. Wir befinden uns in einem Blütenparadies, auch wenn davon jetzt, Mitte Oktober, kaum etwas zu merken ist. Morgen schon kann der erste Schnee fallen – und von Dezember bis März kann er hier, in derniederschlagsreichsten Gegend Kasachstans, meterhoch liegen.

Aber heute heizen wir uns ein. Wir ziehen um in die Sauna. Bevor wir den Schwitzraum betreten, reicht Andrej noch eine Blechtasse zur Tür hinein – gefällt mit Honig. Für die Honigmassage, sagt er und lächelt verlegen. Ob man davon nicht klebrig werde? Lachend verneint er. Nach dem letzten Schwitzgang reibe ich den Honig in die Haut ein. Er zieht sofort ein und ist spurlos verschwunden, es bleibt ein seidiges Gefühl und ein unglaublicher Duft, der auch nach dem erlösenden Abgießen mit eiskaltem Wasser nicht verschwindet. Wir ersetzen die ausgeschwitzte Flüssigkeit mit heißem Honigtee und taumeln matt und glücklich ins Bett. So gut wie in dieser mondhellen Nacht im Blockhaus mitten in der Taiga auf 1500 m Höhe habe ich schon seit Monaten nicht geschlafen.

© ds, Imkerei im Birkenwald

Der nächste Tag ist der letzte goldene Herbsttag dieses Jahres. Es riecht schon nach Schnee, die Birkenblätter taumeln träge zur Erde, aber ein strahlendblauer Himmel und gleißendes Sonnenlicht locken uns auf Erkundungstour. Wir laufen durch den Mischwald talaufwärts, queren den Fluss den der alten Imkerei, wo der Bär im letzten Jahr die Tür eingedrückt hat, steigen durch den Nadelwald bis hoch zur Baumgrenze, wo nur noch mächtige Zedern auf den Matten wachsen, umgeben von kniehohen Wacholdergehölzen. Leider finden wir keine Zedernzapfen, noch im Vorjahr gab es viele – aber wir sind spät dran, und die Streifenhörnchen haben wohl schon alles weggeschleppt und in ihren geheimen Höhlen unter den Zedernwurzeln vergraben. Aber da leuchten noch ein paar Blaubeeren an den niedrigen Büschen, sie sind gefriergetrocknet, was ihr Aroma erst richtig zur Geltung bringt. Von hier oben kann man in das nächste breite Tal sehen, im Volksmund heißt es Tschascha, die Schüssel. In seiner Mitte ragt ein kleiner kegelförmiger Berg auf. Von Viktor Kuznetsov, dem Geologen aus Ridder, weiß ich, dass er zu einem Großteil aus Kristall besteht und aus merkwürdigem Gestein, das man sonst nirgendwo auf der Welt findet. Viktor ist der Meinung, Tschascha sei ein Meteoritenkrater und der Berg in der Mitte, den er Shambhala genannt hat, sein der Einschlagskonus des Himmelskörpers. Die Einzigartigkeit des Gesteins rührt von der Verschmelzung kosmischer und terrestrischer Mineralien unter großer Hitze- und Druckeinwirkung. Das würde auch ihre energetische Ausstrahlung erklären. Viktor weiß zu berichten, dass die hier so verehrten Wunderheiler diese Steine in ihren Behandlungen einsetzen. Alljährlich kommen sie hierher und holen sich säckeweise solche Steine von Shambhala, die, wenn man sie eine Weile in der Hand hält, die negative Energie aus dem Körper ziehen sollen. Hernach lege man den Stein einfach auf's Fensterbrett in die Sonne, und die negative Energie werde wieder abgestrahlt. Viktor hat mir einen solchen Stein geschenkt, er besteht aus winzigen pechschwarzen Kristallen und glänzt in der Sonne. Ich habe ihn offenbar noch nicht mit der richtigen Einstellung angewendet.

© ds, Zedern

Wir besteigen die Schapka Monomacha, eine der kahlen Kuppen, die so typisch für den Westaltaj sind und die von unten gar nicht so hoch aussehen. Aber weit gefehlt. Der Aufstieg auf fast 3000 m ist anstrengend und hat es wegen der großen Gesteinsbrocken in sich. Dafür ist die Aussicht von oben umwerfend. Ganz da hinten, weit unten im Tal blinkt das neue Metalldach, mit dem Gennadis neues Blockhaus abgedichtet ist. Wir haben mindestens zehn Kilometer zurückgelegt, und jetzt steht uns noch der Abstieg entlang der Serzhicha bevor, über Geröll und durch hüfthohen Bewuchs, ohne Machete. Bis zum Einbruch der Dunkelheit haben wir noch drei Stunden – das könnte man gerade so schaffen. Ich denke an den Bären und mir ist unbehaglich. Hat er sich schon zum Winterschlaf zurückgezogen oder frisst er sich gerade die entscheidende Speckschicht an?

Es ist fast dunkel, als wir ankommen, abgekämpft und glücklich. Gennadi und Andrej sehen besorgt aus, sie haben wohl gedacht, wir hätten uns verlaufen. Wir trinken Tee und essen Brot – beides natürlich mit viel Honig, und dann werden wir wieder in die Banja geschickt. Nachts kommt Sturm auf, und als wir morgens vor das Blockhaus treten, ist die Welt grau. Kein Blatt mehr an den Birken, alles leergefegt. Dunkle Wolken jagen über den fahlen Himmel, hin und wieder reißen sie kurz auf wie ein Theatervorhang, und ein unsichtbarer Beleuchtungsmeister taucht die veränderte Landschaft in ein dramatisches Licht. Für die Abfahrt genau das richtige Wetter.

In Ridder werden wir noch Viktor besuchen, um seine neuesten Meteoritentheorien begierig aufzunehmen, werden bei ihm im geheizten Gartenhaus inmitten seiner Steinsammlung übernachten, am nächsten Tag den weitläufigen und überraschend gut gepflegten Botanischen Garten von Ridder besuchen und dann mit dem Bus nach Öskemen fahren.

Wir machen Winterpläne. Gennadi hat uns von Snowmobile und Schlitten erzählt, mit denen man in 30 Minuten hoch zur Imkerei brausen kann, wenn Schnee liegt. Anfang Februar, wenn die Tage wieder länger werden, sind wir wieder hier.

Kontakt

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Almaty, ulitsa Tulebajewa 174 / Ecke ulitsa Schewtschenko und ulitsa Kurmangazy

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Fax +7 (727) 2 72 53 63
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Website www.eco-tourism.kz
Öffnungszeiten Mo-Fr 09.00-18.00

Gästehäuser in Ridder

Gennadi und Anna Zhukov

Tel. +7 705 84 17 631 oder + 7 701 36 63 436
E-Mail: zaimkamedovaya@yandex.ru

Viktor und Marina Kuznetsov

Tel. +7 705 23 97 721
E-Mail kyz_rid@mail.ru