Einmal Almaty-Murmeltierloch und zurück

Gemischte Gefühle angesichts einer verkorksten Reise

Aus der Traum. Es macht einmal „korks“, es tut höllisch weh, mir wird schwarz vor Augen – und dann finde ich mich gotteslästerlich fluchend im Grase wieder, den rechten Fuß merkwürdig verdreht in einem Murmeltierloch. Vom Zelt bis zum Gletscherfluss sind es 20 Schritte, ungefähr der zehnte davon ließ mich in diese Falle tappen. Ich ziehe den Fuß raus und fluche noch schlimmer. Eine sichtbar wachsende Beule am Sprunggelenk lässt eine Ausrenkung oder gar einen Bruch befürchten. Die restlichen zehn Schritte zum Bach hüpfe ich auf dem linken Bein, reiße mir die warmen Schlafklamotten von Leib und lege mich kurzentschlossen ins eiskalte Wasser. Da bleibe ich ca. 10 Sekunden, der rechte Fuß muss es etwas länger aushalten. Es hilft nichts, die Schwellung wächst. Irgendwie ziehe ich mich wieder an und schleppe mich zum Zelt zurück, lasse meinen Waschbeutel fallen und humpele weiter in Richtung Esszelt. Marat sitzt im Gras, ich zeige ihm die Bescherung. Statt Mitgefühl ernte ich einen Schwall von Vorwürfen, was denn das nun wieder sei und ob ich Pechvogel denn wirklich alle Register des Unglücks ziehen müsse. Erst vorgestern war ich nur mit Müh und Not dem Angriff eines Yakbullen entkommen, nachdem ich mich ungefähr eine Stunde lang bäuchlings auf einer ameisenübersäten Weide totgestellt hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.

© ds, Ort des Murmeltierlochs

Nach und nach versammeln sich die Anderen um uns, alle meine 13 Mitwanderer. Da gibt es nun Mitgefühl reichlich, und viele Mutmaßungen, was das sein könne. Die meisten tippen auf Knöchelbruch. Ein Baldachin aus zwei Wanderstöcken und einem Hemd als Schutz gegen die stechende Morgensonne wird für mich aufgebaut, jemand bringt mir einen Kaffee aus dem Esszelt, eine andere gute Seele eine Schüssel Reisbrei. Volker und Angelika haben Kühlkompressen dabei, und es zeigt sich, dass Volker nicht nur wunderbare Filme machen, sondern auch fachgerecht einen Verband anlegen kann. Angesichts der nächsten drei schweren Wanderetappen über Schotter, einen Gletscher und einen Pass mit steilem Anstieg beschließen wir, dass ich das nicht schaffe und es auch den Pferden nicht zuzumuten ist, zuätzlich zu den schweren Packsäcken auch noch mich zu schleppen. Außerdem muss der Fuß verarztet werden, ein Bruch möglichst sofort. Aber wie? Keine Straße weit und breit. Almaty mit seinen berühmt-berüchtigten Krankenhäusern drei Tagesmärsche entfernt. Kairat könnte per Satellitentelefon einen Hubschrauber ordern. Aber wer soll das bezahlen – eine Flugstunde kostet über 2000 Euro. Wir beschließen, dass ich mit dem Pferd zu Bachyts und Ainuras Jurtenlager gebracht werde. Dort könne man dann warten, ob ein Jeep vorbeikommt und mich mit nach Almaty nimmt. Die Chancen sind freilich gering, es ist Donnerstag, und der illegale Wochenendverkehr über die grüne Grenze zum Issyk-Kul beginnt erst am Freitag, die meisten fahren erst am Sonntag zurück. Vielleicht könnte Bachyt mich mit seinem alten Lada Niwa fahren? Mal sehen, erst einmal muss ich meine Sachen packen. Marat stopft mit versteinertem Gesicht meinen Schlafsack, die Wettersachen und meinem Waschkrempel in den Rucksack, rollt meine Isomatte zusammen und lässt sich nebenbei ein paar organisatorische Fragen des weiteren Ablaufs der Tour erklären, übernimmt die Reisekasse und jede Menge guter Wünsche. Ich bin die sogenannte Reiseleiterin, die Gruppe bleibt jedoch mitnichten verwaist zurück. Corina und Toni sprechen russisch, Marat hat diese Tour oft gemacht und kennt jeden Schritt. Bachyt, sein Sohn Ularbek und dessen Neffe haben die Pferde im Griff und Ira und Kira kommen in der Küche gut allein klar. Trotzdem mache ich mir Sorgen – und ich bin sauer, dass ich die nächsten Tage der Gletscher- und Passquerung verpassen muss; sie sind der Höhepunkt unserer neuntägigen, sorgfältig geplanten Wanderung zum Hochgebirgssee Issyk-Kul in Kirgisstan.

Ularbek kommt mit Pontschik zum Zelt geritten. Pontschik bedeutet Pfannekuchen, er ist das geduldigste Pferd von allen, folgt Ularbek bedingungslos, und ich freue mich, dass ich ihn reiten darf. Alle umarmen mich, ich werde mit vielen lieben Wünschen bedacht, manche gucken betreten, Angelika weint verstohlen. Ich kann die Tränen gerade so verschniefen.

In den Sattel komme ich gut, der linke Fuß ist schließlich unbeschädigt. Wir queren den Fluss, vorn Kairat auf dem großen Braunen, hinter ihm auf dem gleichen Pferd Ularbek, dann ich auf Pontschik, als Nachhut Ularbeks Neffe auf seinem Wallach. Der Hirtenhund Jack freut sich, dass er Auslauf hat und stürmt voran, immer auf Ausschau nach Murmeltieren. Recht so, gib's ihnen, diesen heimtückischen Löchergräbern.

Mein rechtes Bein baumelt ohne Steigbügel herum, der linke Fuß ist nach 15 Minuten genauso dick wie der verletzte rechte, die Bremsen stechen unerbittlich. Nach einer Stunde durchreiten wir ohne Probleme den wilden südwestlichen Talgar, der uns vor zwei Tagen fast weggeschwemmt hätte. Durch die ungewöhnlich lang anhaltende Hitze im Tien Schan schmelzen die Gletscher rascher als sonst, die Flüsse sind alle über dem Normalpegel, nach dem Mittag ist eine Durchquerung kaum mehr möglich. Am nächsten Fluss, dieser etwas zahmer, steigen wir ab und ich kühle den verletzten rechten und den zerstochenen linken Fuß im eiskalten Wasser. Dann bin ich wieder im Sattel, mit der Reitpeitsche nach dem Bremsen schlagend. Vor mir sind Kairat und Ularbek, in trauter Zweisamkeit auf einem Pferd sitzend, in ein inniges Gespräch vertieft. Ich verstehe fast nichts, sie sprechen kirgisisch, aber der helle Klang der Stimme des Dreizehnjährigen und Kairats ruhiger Redefluss haben auf mich eine beglückende Wirkung. Pontschik möchte galoppieren, er versteht, dass es heimwärts geht, aber ich muss ihn bremsen, der Fuß verträgt keine Erschütterungen.

© ds,

Nach einer weiteren Stunde sind wir an den Jurten. Mir tut alles weh, eine gute Reiterin bin ich nicht, aber ich bin froh, hier zu sein. Erst gestern hatten wir das Lager verlassen, nachdem die Gruppe nach der ersten Passquerung hier einen Tag lang ungeschminktes Nomadendasein erleben durfte. Bachyt und Ainura stehen mit fragenden Gesichtern da. Sie lachen, als ich sage, ich hätte Sehnsucht nach ihnen gehabt. Doch, mal ganz abgesehen vom Klumpfuß, Sehnsucht hatte ich wirklich. Selten sind mir so liebe und gastfreundliche Menschen begegnet, wie dieses ungleiche Paar, in dessen verschlungene Familiengeschichte ich erst unlängst von Ainura eingeweiht wurde. Der kräftige Dorfmensch Bachyt, der schon immer Viehzüchter werden wollte, und die zierliche, mädchenhafte Ainura aus Bischkek, die sich mit 18 nie hätte träumen lassen, dass Stuten melken, schwere Eimer schleppen und eine angeheiratete Großfamilie bekochen und umsorgen einmal ihr Schicksal sein würde. Wenn ich die beiden sehe, vergesse ich Schmerz und Ärger. In der Gästejurte trinken wir Kumys und dann Tee, es gibt Fladenbrot, Schmand und Melonen (woher haben sie die, 100 km vom nächsten Dorf entfernt?), und Ainura bringt Manty, die besten, die ich je gegessen habe. Die Fleischfüllung der Teigtaschen ist fett und saftig, und obwohl ich eigentlich überhaupt kein Fett mag, esse ich alles gierig auf.

Bachyt bringt mir einen Wanderstock, damit ich allein das Klohäuschen aufsuchen kann. Ainura breitet mir ein paar Matten in ihrer Schlafjurte aus, schiebt mir Kissen unters Bein und erzählt mir, ohne dass ich sie gefragt habe, von ihrer ersten Ehe, die nicht freiwillig, sondern durch Brautraub zustande kam. Ich kenne sie noch nicht lange, und sie hat solches Vertrauen zu mir.

Bachyt kann mich nicht mit seinem Niwa über den Pass bringen, das Auto wurde gestern an den Nachbarn verliehen, der damit seine Frau, erst 35 Jahre alt, mit Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus bringen wollte. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es mit dieser Frau weitergehen wird, nach mindestens drei Stunden Fahrt talabwärts, über Holperpisten, in ein Dorfkrankenhaus mit denkbar schlechter Ausrüstung. Mein Fuß ist eine Lappalie dagegen.

Ich muss also warten, bis zufällig ein Auto in Richtung Almaty diesen idyllischen Krähwinkel im Tal des Tschong Kemin passiert. Das Wunder geschieht, und zwar schon nach einer halben Stunde. Ein Motorengeräsch nähert sich, allerdings aus der falschen Richtung. In der Gästejurte nehmen zwei Männer Platz, trinken Kumys, schwatzen mit Bachyt. Der genießt es; ab morgen wird es für ihn anstrengend, er wird mit seinem Sohn die Karawane unserer zehn Packpferde über den Gletscher und den Viertausender-Pass führen.

© ds, Tal des Tschong Kemin

Nach einer weiteren halben Stunde stürmt Kairat in die Schlafjurte und teilt mir freudig mit, dass ich Glück hätte, die beiden Männer wollen heute noch nach Almaty zurück. Flugs packen wir meinen Rucksack in den kleinen Jeep, ich verabschiede mich, leider zu hastig, und nehme auf dem Vordersitz Platz, und im Handumdrehen sind wir auf der Piste zum Pass. Die beiden Männer, der schmale kasachische Fahrer Tagyr und der sportlich aussehende Russe Alexander auf dem Rücksitz, sind tatsächlich nur zum Kumystrinken zu Bachyts Jurten gekommen, sie nehmen nicht, wie die meisten anderen, den Weg zum Issyk-Kul, sondern wir haben das gleiche Ziel - Almaty. Tagyr und Alexander sind sehr gesprächig, mir lockert die Erleichterung auch die Zunge, und die fast zwei Stunden bis zum Almaty-Fluss vergehen wie im Flug. Dann stehen wir ratlos an der Furt. Noch nie habe ich den sonst relativ seichten Fluss so aufgewühlt gesehen; er fährt mehr als doppelt so viel Wasser wie gewöhnlich. Tagyr möchte nicht durchfahren, er hat Angst, dass der Motor absäuft. Ich befürchte, dass das Auto abtreibt, habe wirklich keine Lust auf ein weiteres Unglück. Alexander nimmt es scheinbar leicht, mit voller Geschwindigkeit und Allradantrieb werde man es schon schaffen. Wir wägen kurz ab – eine Nacht ohne Zelt hier am Fluss und dann morgen bei Tagesanbruch und Niedrigwasser weiter? Oder alles riskieren? Tagyr wirft den Motor an und fährt vorsichtig ins gelbbraune, trübe Wasser. In der Flussmitte ruckelt der Wagen kurz und droht, vom Grund abzuheben. Das Wasser reicht bis zur Mitte der Türen. Tagyr schaltet hoch und hat nach Sekunden, die mir wie eine Ewigkeit vorkommen, Grund unter den Vorderrädern. Dann sind wir drüben. Ich haue Tagyr schwer erleichtert auf die Schulter. Alexander, plötzlich blass, sagt nur: „Ein Ass!“ und grinst, irgendwie entschuldigend. Die weitere Fahrt verläuft schweigsam. Am grossen Almatiner See wartet ein Jeep mit Astana-Kennzeichen auf uns. Kairats Dienstwagen. Hat er also doch per Satellitentelefon angerufen und Hilfe geordert. Ich bin gerührt. Ein Mitarbeiter der Lawinenstation öffnet den Schlagbaum, der das Grenzgebiet markiert, und lässt uns durch. Er stellt mir Alexander als einen der berühmtesten Bergsteiger Kasachstans vor. Jener und Tagyr wollen für ihre Hilfe kein Geld annehmen, aber wir verabreden uns zum Essen, sobald ich wieder auf eigenen Füßen gehen kann.

Die beiden schweigsamen Fahrer des Dienstwagens bringen mich bis vor meine Haustür. Auch sie wollen kategorisch kein Geld. Sie hieven den Rucksack und mich hoch in die Wohnung und wünschen gute Besserung – und weg sind sie.

38 Grad im Schatten. Es ist 19 Uhr. Vor 10 Stunden sass ich am Eiswasserfluss im Murmeltierloch. Für den Weg dorthin hatte ich vier Tage gebraucht. Tja, der Rückweg war kürzer. Ich schicke eine SMS an Kairats Satellitentelefon und melde wohlbehaltene Ankunft in Almaty, bedanke mich für die Hilfe. Dann humpele ich ins Bad, dusche mich, sammele dann ein paar saubere Sachen für einen eventuellen Krankenhausaufenthalt zusammen und packe den Laptop ein. Wer weiß, vielleicht muss ich ein paar Tage bleiben, und nichts ist schlimmer als Langeweile im Krankenhaus. Ich rufe Rustam an, „meinen“ azerbaidzhanischen Lieblingstaxifahrer, Tag und Nacht im Dienst. Er ist erschrocken �ber meine Neuigkeiten und steht nach 20 Minuten vor der Tür. Das 12. städtische Krankenhaus soll die beste Unfallabteilung haben, das bestätigt auch er. Also fahren wir hin. Inzwischen ist es dunkel.

Rustam soll noch jemanden vom Flughafen abholen, ich muss also allein meinen Weg durch das Krankenhauslabyrinth finden. Den Laptop habe ich, weil er so schwer ist, in Rustams Taxi gelassen, er wird ihn mir morgen bringen, entweder ins Krankenhaus oder nach Hause (hoffentlich!). Nach langer Fragerei habe ich, mühsam humpelnd, die Notaufnahme gefunden.

© ds, Blick auf das Lager

Eine lange Schlage steht davor – jawohl, sie steht. Ungeachtet diverser Verletzungen – die Patienten warten stehend. Es gibt keine Stühle. Ich frage, wer der Letzte sei und reihe mich ein. Das Bein schwillt immer mehr an, das Stehen macht Mühe. Ich reiße die Tür zum Behandlungszimmer auf und mache meinem Ärger stellvertretend für alle lauthals Luft. Unfreundlich werde ich nach draussen komplimentiert. Ob das hier ein Stall sei und wir nicht vielleicht noch ein paar Hammel und Kamele einladen wollen, welche die eh knappe Luft verpesten. Aha. Ich setze mich unter den erstaunten Blicken der anderen, würdevoll Wartenden, auf den Boden. Leute kommen und gehen, manche scheren sich nicht um die Warteordnung und platzen einfach hinein. Nach über einer Stunde bin ich an der Reihe. Die Unfreundlichkeit des Aufnehmearztes schwindet etwas, als er meinen deutschen Pass sieht. Ich muss die Bandage abwickeln, der als solcher nicht mehr erkennbare Knöchel wird betastet, und dann bekomme ich zwei unleserliche Zettel, der eine ist die Überweisung zum Röntgen, der andere gibt mir das Recht auf die Abholung einer Schmerzspritze im „Kabinett vorn rechts“. Geröntgt wird schnell und ohne Bleischürze. Na gut, meine Familienplanung ist ja abgeschlossen – Die Bilder bekomme ich nach 15 Minuten ausgehändigt; und als ich endlich das „Kabinett vorn rechts“ gefunden habe, darf ich mir das Schmerzmittel aussuchen, weil die nette junge Schwester nicht lesen kann, was der Arzt verordnet hat. Ich wühle auf gut Glück Ketonal, die Spritze tut kaum weh. Mit den Röntgenbildern humpele ich wieder zur Notaufnahme. Immer noch steht die Schlange. Jetzt bin ich beherzter, drängele mich vor, sage, ich werde erwartet - und bin drin. Ein langer Blick auf die Bilder. Noch einer. Ich warte bang. „Kein Bruch!“ befindet der Arzt ruhig. Mir entfährt ein „uffff!“ und dann ein begeistertes „Danke!!!“. Er tippe auf heftige Überdehnung des (einzigen mir an diesem Sprunggelenk noch verbliebenen) Bandes. Zwei Wochen keinerlei Wanderungen, befiehlt er. Möglichst gar nicht laufen. Und ich solle mir in der zentralen Apotheke eine feste Bandage kaufen, das Krankenhaus habe so etwas leider nicht. Dann noch ein bisschen Smalltalk – woher ich Russisch könne und was ich denn noch so für Wanderungen im Programm hätte. Anerkennendes Nicken, gute Besserungswünsche – fertig. Was ich denn schuldig sei, möchte ich ungeschickt wissen. Räuspern. Stille. Tja, man sei als städtisches Krankenhaus zur kostenlosen Notaufnahme und Behandlung verpflichtet, aber ich wisse ja sicher, wie der Stand der Dinge sei. Weiß ich. Bescheiden ist er. Ein Arzt verdient kaum mehr als 250 Dollar im Monat, die Versorgung der Krankenhäuser ist, wie an diesem (relativ guten!) Beispiel ersichtlich, katastrophal. Ich zücke einen 50-Euro-Schein. Hektisches Abwinken, dann ein Fingerzeig nach links oben über der Tür. Ohhhh – Eine Überwachungskamera. Der Arzt öffnet grinsend eine Schublade seines Schreibtisches. Unauffällig gleitet der Schein hinein. Ich bedanke mich, er bedankt sich, lächelt (!!!). Draußen bin ich, atme durch.

Ich rufe Rustam an, der kommt mit dem Taxi, ist erleichtert, fährt mich nach Hause, bringt mich zur Tür, sagt, er sei immer für mich da und verschwindet in der Nacht.

Was für ein Tag. Der Fuß ist im Eimer. Im Eimer ist kaltes Wasser, er steht auf dem Balkon, ich trinke das vor dem Krankenhaus am Kiosk gekaufte kühle Bier und rauche eine von den starken „Kazakhstan Filtr“. Das Bier und die Ketonal-Spritze scheinen sich nicht zu vertragen, ich rappele mich auf und hinke ins Bett.

Am nächsten Tag wasche ich voller Wehmut die Trekkingklamotten und fasse plötzlich den Entschluss, meine Gruppe nach der Überquerung des Tien Schan abzuholen und mit den Wanderern noch zwei ruhige Tage am Issyk-Kul zu verbringen. Ich rufe Marats Freund an und frage ihn, ob er mich mit seinem Jeep an den Endpunkt der Tour bringen kann. Sergej ist einverstanden. Ich habe noch drei Tage. Glücklich schmeiße ich den Rechner an und stelle fest, dass die Internetkarte abgelaufen ist. Oje, was werde ich während der drei Wartetage tun? Ein Anruf bei Marats Freund Sascha – der verspricht Hilfe. Mittags kommt er und bringt Krücken, Wassermelone, Mineralwasser und eine neue Internetkarte, installiert mir diese und hört sich ungläubig die ganze Geschichte an. Rustam kommt mit rohen Eiern und rät mir, eine Eierkompresse zu machen, das helfe immer. Er bringt mich mit dem Taxi zur Apotheke und wir kaufen eine Neoprenbandage. Den Nachmittag verbringe ich am Internet, den Fuß immer im Eimer. Ich versende Unglücksberichte an ein paar Freunde und beantworte wichtige und unwichtige Briefe. Ich bin zwar lahm, aber mit der Welt verbunden. Abends versuche ich, Marats Fernseher anzuschalten. Es klappt nach einer halben Stunde. Ich finde einen Sender, der mir auf Anhieb gefällt, „Kinohaus“, und gucke gleich drei sowjetische Filme nacheinander. Zum ersten Mal seit Jahren sitze ich vor'm Fernseher!

Den Sonntag verschlafe ich halb nach dieser Orgie. Mittags kommt meine Freundin Edda mit einer Telefonkarte für mein abgelaufenes Guthaben, Wasser und Sahneeis. Wir quasseln ungestört stundenlang. Fast bin ich dem Murmeltier dankbar. Wäre ich nicht in sein Loch getreten, wäre ich nicht hier. Ich habe plötzlich Zeit! Fast niemand weiss, dass ich hier und nicht auf der Tour bin, keiner ruft an und droht mit Arbeit. Und was habe ich nicht alles erlebt in diesen Tagen! Abenteuer, Fernsehorgien, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, ja Selbstlosigkeit.

Morgen hole ich meine Gruppe ab, ich freue mich auf die überraschten Gesichter der redlich geschafften Bergwanderer und auf die nächsten Tage mit ihnen am „kirgisischen Meer“.

Und die Tour mache ich nächstes Jahr noch einmal. Vom ersten bis zum letzten Tag. Ohne Fußknacks. Und bis dahin grüsse ich täglich das Murmeltier.

P.S. Die Wanderung wurde trotz Abwesenheit der deutschen Reiseleiterin ab Tag 5 gut und zur vollen Zufriedenheit der Gruppe beendet. Das spricht eindeutig für das kasachisch-kirgisische Team. Danke! Und 2009 wagen wir (auch ich!) einen neuen Versuch. Gerüchte, dass alle Murmeltierlöcher im Tien Schan bis dahin zugeschüttet werden, entbehren jeder Grundlage.