Einmal Almaty–Kaskasu und zurück

Hoffentlich merkt es keiner: In bin sauer. Den dritten Tag sind wir nun schon unterwegs, und ich konnte mich nicht ein einziges Mal richtig waschen, von duschen ganz zu schweigen.

Von all den Erkundungs- und Trainingsreisen zu unseren Gästehäusern scheint diese hier am weitesten „zurück zu den Wurzeln“ zu führen.

Die Zugfahrt Almaty - Schymkent verläuft wie geplant und ruhig, nach einer Schlaftablette sind mir das Rumpeln und das Bier- und Piroschki-Verkaufsgeschrei im Gang und auf den Bahnsteigen egal, auch mein Reinlichkeitsbedürfnis ist irgendwie weg, nach einem Blick in die Waggontoilette.

© ds, Blick auf die Berge

Auf dem Bahnsteig in Schymkent steht ein kleiner kasachischer Herr im Opa-Alter, mit auffallend aufrechter Haltung und aufmerksamen Augen. Meine Kolleginnen stellten ihn mir vor: Adilkhan Abdeschewitsch, unser lokaler Koordinator, früher war er Jagdflieger. Unser Gepäck und wir werden flugs verladen in einen sauberen japanischen Kleinwagen, dann fahren wir in die nasskalte Morgendämmerung südöstlich von Schymkent hinein. Hier und da hält unser Begleiter an, um uns markante Punkte der kasachischen und lokalen Geschichte zu zeigen. In Sajram besichtigen wir frierend ein altes Minarett und zwei Mausoleen, davon eins für die Mutter des legendären Hodzha Achmed Jassawi. Danach gibt es in einer typisch usbekischen Schaichona grünen Tee und Samsa, beides irgendwie abgestanden, aber wenigstens heiß. Derartig aufgewärmt geht es weiter zum Martöbe, einem Hügel, wo die drei kasachischen Rechtsgelehrten Ajteke Bi, Töle Bi und Kazybek Bi vor 300 Jahren eine Art erstes kasachisches Zivilgesetzbuch beschlossen, um dem Blutvergießen zwischen den Stümmen ein Ende zu bereiten. Im Dorf Georgijevka, einem der ganz wenigen Orte mit russischem Namen in dieser fast nur von Usbeken und Kasachen besiedelten Grenzregion, wird uns eine schöne russisch-orthodoxe Kirche gezeigt, in der gerade ein Gottesdienst läuft. Zitternde Stimmen vieler alter Frauen beten hinter der Tür inbrünstig um irgendetwas, ich flehe insgeheim um schönes Wetter oder ein heißes Bad. Und dann kommt das Gebirge langsam näher. Das heißt, es ist natürlich andersherum, wir fahren immer dichter ans Gebirge heran, aber mir scheint es, als ob eine unsichtbare Hand den Grauschleier vor den Bergen wegzieht und das ganze Massiv in unsere Richtung schiebt. Da stehen sie: Der Peak Sajram mit seinen fast 4300 Metern und das ganze schöne Massiv Sajram-Ugam mit seinen schneebedeckten Gipfeln, der westlichste Ausläufer des 2000 Kilometer langen Gebirgszuges Tien Schan. Meine Stimmung verbessert sich schlagartig, als wir am Fuße dieser Bergkette in ein von langen Pappelreihen geschmücktes Dorf fahren, ununterbrochen dieses Panorama vor Augen. Tönkeris. Unser Gästehaus erweist sich als neues, ordentlich verputztes Lehmgebäude, sehr geräumig und sauber. Uns dreien wird das hintere Zimmer zugewiesen, ca. 10 Quadratmeter Teppich und an der Wand auf den Truhen aufgestapelt die Korpeschki, die gesteppten Matten, auf denen Kasachen sitzen und schlafen. In diesem Haus gibt es weder Betten noch Stühle, das ganze Leben scheint sich auf dem Boden abzuspielen. Zu meiner Überraschung entdecke ich Heizungsrohre – sie führen vom Lehmofen in der Küche durch alle Zimmer – und sind warm. In diesem Haus sollen wir bis zum nächsten Tag bleiben, nach dem Mittagessen wird hier der erste Teil der dreitägigen Schulung für die Betreiber ländlicher Gästehäuser in Südkasachstan stattfinden. Ungläubig besehe ich mir den dafür vorgesehenen Schulungsraum: Der sogenannte Saal, ca. 10 mal 5 Meter groß, ist möbliert mit einem langen, flachen Tisch, einer Schrankwand und einem Diwan.

© ds, Garten

Ich gehe in den Garten, um mir den Abtritt und die Sauna anzusehen. Der Zustand dieser beiden „Hygiene-Facilities“ ist wichtig für die Zertifizierung des entsprechenden Gästehauses. So ein Gästehaus kann ein goldenes, silbernes, bronzenes oder gar kein Zertifikat erhalten, je nach dem, wie viele Punkte es zugesprochen bekommt für Qualitätsmerkmale wie Sauberkeit, Sicherheit, Funktionalität und Information in den Ess-, Wohn-, Schlaf- und eben den Hygienebereichen. Die Sauna macht einen einfachen, aber sauberen Eindruck; ich hoffe einem abendlichen Schwitzbad entgegen. Als ich um die Ecke des Klohäuschens biege, stutze ich. Drei Hunde, alle ziemlich dick, liegen auf dem großen Rasenstück und kauen vernehmlich knackend auf irgendetwas herum. Große rote Pfützen sind in der Mitte einer riesigen Plastikfolie zusammengelaufen. Es riecht irgendwie süßlich. Ein Seitenblick von mir erhascht, dass ein Junge schwer an einem Gegenstand schleppt. Ich gucke genauer hin. Es ist ein Pferdekopf. Ich verschwinde schnell im Klohäuschen, und als ich wieder herauskomme, habe ich den Beschluss gefasst, im Verlaufe des heutigen Tages in diesem Hause nur Fladenbrot und Smetana zu mir zu nehmen.

Es kommt anders. Das Mittagessen ist köstlich, eine kräftige heiße Brühe mit Kartoffeln und Fleisch lässt die Lebensgeister zurückkehren, das Fleisch auf dem danach servierten Kartoffelberg lasse ich allerdings liegen. Abends gibt es natürlich Beschbarmak, und es ist eindeutig frisches Pferdefleisch, was da auf den Nudelfladen angerichtet ist, aber so appetitlich, dass ich es wage. Schließlich will ich unsere Gastgeber nicht verletzen. Sie haben eines ihrer beiden einzigen Pferde für ihre 30 Gäste geschlachtet. So viele Teilnehmer nehmen an der nachmittäglichen Schulung statt, und alle passen um den großen Tisch herum. Noch nie habe ich im Schneidersitz ein Seminar vor auf dem Boden hockenden Zuhörern gehalten. Es läuft gut, das Publikum ist aufmerksam und neugierig und wohlwollend, die Teepause in der Halbzeit allerdings ein weiterer Anschlag auf meinen Hosenbund. Oft habe ich es gehört, jetzt wird es bewiesen: In Südkasachstans Dörfern ist das gemeinsame Sitzen und Reden und Essen eine Art kultische Veranstaltung, es wird so lange wie möglich ausgedehnt, und man kann dabei alles verbinden: Essen mit Verhandeln, Trinken mit Lernen.

© ds, Apa und Bala

Zum Glück bietet die fehlende Mobilfunkverbindung im Dorf nach dem Abendessen einen Anlass, auf den nächstbesten windigen Hügel zu steigen und von dort nach Almaty zu telefonieren. Aussichtsmäßig der wohl beste „peregovornyj punkt“ in Kasachstan. Der Peak Sajram ist zum Greifen nahe im Abendlicht. Ein roter Sonnenuntergang verspricht besseres Wetter. Die Hoffnung auf einen Saunagang nach diesem Verdauungsspaziergang erfüllt sich allerdings nicht. Lajlja hat genug mit den vier kleinen Kindern zu tun, Dauylbek muss wohl die Fleischberge verarbeiten – keiner da, um das Schwitzhaus anzuheizen. Also vertrösten wir uns auf den nächsten Tag, putzen uns lediglich die Zähne am Waschbecken vor dem Haus und legen uns ungewaschen auf unsere Matten.

Man muss es wissen, wenn man in Kasachstans ländliche Gästehäuser fährt. Komfortabel ist es nicht. Duschen im Haus sind eine Seltenheit, ein „Indoor-WC“ ebenso. Für Kasachen ist es undenkbar, den Abtritt im Haus zu haben, so ein Entsorgungspunkt gehört so weit wie möglich entfernt von Küche und Esszimmer. Also klassisch: Plumpsklo. Dort wird auch täglich die Waschung intimer Körperstellen vollzogen – mit Hilfe einer wassergefüllten Plastikflasche. Kanalisation gibt es in den Dörfern nicht, also hat jeder seine Grube, und das Wasser aus der Banja läuft irgendwie in den Garten. Warmes Wasser ist Luxus. Die Einheimischen unterziehen sich nur einmal pro Woche einer Ganzkörperwaschung in der Monscha oder Banja (kasachisch bzw. russisch für Sauna). Für die ersehnten Touristen gelten andere Regeln – das versuchen wir in unseren Schulungen zu erklären. Kulturelle Unterschiede im Verhalten, beim Essen, Trinken, Schlafen, Waschen usw., alles das kennen unsere freundlichen Gastgeber nicht. Woher auch, kaum jemand unserer 30 Zuhörer ist je über Schymkent hinausgekommen. Sie sind zu Recht stolz auf ihre Traditionen, aber sie müssen auch lernen, dass es nicht unhöflich ist, wenn ein Tourist nicht auf dem Boden schlafen mag, morgens kein gekochtes Fleisch isst oder täglich warmes Wasser und ein verstecktes Plätzchen zum Waschen des ganzen Körpers braucht. Diese Schulungen sind ein Balanceakt – keiner soll verletzt werden, aber alle sollen verstehen, dass der zahlende Gast auch Anspruch auf gewisse Dienstleistungen hat, die den Gastgeber erst einmal vermessen erscheinen mögen.

Am nächsten Tag fahren wir weiter nach Kaskasu – immer am Gebirgsrand entlang. Unser Morgenprogramm hat Adilkhan Abdeschewitsch in die Berge verlegt, ins Tal des Flüsschens Kaskasu, zu den wilden Aprikosenbäumen, die in flammendem Rot an den Hängen stehen. Eine kleine Wanderung soll uns zeigen, was die Touristen hier an Naturschönheiten erwartet. Zu Fuß oder auf dem Pferderücken kann man Ein- oder Mehrtagestouren ins Gebirge unternehmen, in Begleitung eines Guides. Weder darf man ohne Führer in den Nationalpark Sajram-Ugam noch sollten Reitanfänger auf die Begleitung eines Profis verzichten.

Mittags zertifizieren wir zwei Gästehäuser in Kaskasu, nachmittags folgt wieder ein Trainingsseminar. Unser Gastgeber Orynbasar begleitet uns zum Abendspaziergang, und zuerst zeigt er uns stolz seinen Apfelgarten und das kleine Wasserkraftwerk, das er vor 12 Jahre selbst gebaut hat und das sein Haus mit kostenlosem Strom versorgt. Nur hier dringt abends Licht aus allen Fenstern. Die anderen Häuser funzeln vor sich hin – die neuen Strompreise sind zu hoch für die meisten Dörfler in Südkasachstan, man geht mit den Hühnern ins Bett oder lässt der Fernseher oder gar nur eine Kerze als Beleuchtung gelten.

Und nun bin ich sauer, denn wieder gibt es abends kein warmes Wasser und vor allem keine diskrete Waschgelegenheit. Das einzige Waschbecken ist der Diele angebracht, da, wo alle 30 Sekunden jemand durchläuft. Noch zwei Nächte und einen Tag bis zur Badewanne in Almaty. Wie soll ich das aushalten? Morgen ist noch ein Trainingstag in Dichankol, und wahrscheinlich rieche ich ja schon komisch. Unauffällig schnüffele ich an meinem Shirt. Ich putze mir die Zähne und wasche wenigstens das Gesicht. Gehe mit einer Flasche aufs hölzerne Klohäuschen, das nicht einmal eine Tür hat. Und fasse dann Mut und frage Zhursin, ob ich morgens einen Teekessel warmes Wasser zum Haarewaschen haben kann. Natürlich, sagt sie lächelnd.

© ds, Heu

Sobald es hell ist, stehe ich in der Diele und schaue mich suchend um. Der Teekessel steht dampfend auf dem Hocker neben dem Waschbecken. Vorsicht, sagt Zhursin, es ist sehr heiß. Sie holt einen Schöpftopf, mischt heißes und kaltes Wasserund sagt: Beug Dich runter, ich helfe Dir. Und wäscht mir die Haare wie weiland meine Mutter. Alles ist so einfach.

Orynbasar bringt mir eine Tüte und sagt: Da, für Dich! Es sind Äpfel und Birnen, schätzungsweise zehn Kilo. Ich habe eine Stunde Zeit bis zum Frühstück und steige im schönsten Morgensonnenschein auf einen dieser Telefonhügel, die es auch hier gibt. Oben angelangt, muss ich tief Luft holen. Nicht wegen des Anstiegs, sondern wegen der Aussicht. Gelbbraune Steppe im Westen, die schneebedeckte Wand der Berge im Osten, mir zu Füßen dieses wunderschöne Dorf mit seinen schnurgerade Pappelreihen, den flechtzaungesäumten Hohlwegen und kleinen weißen Lehmhäuschen, den goldgelb und rot gefärbten Obstbäumen. Pferde wiehern, Kühe muhen, Schafe blöken, auf riesigen Heuhaufen verdampft der morgendliche Reif. Ich melde nach Almaty, dass es mir gut geht. Richtig gut.

Kontakt

Zentrale des Zentrums für Ökotourismus (Ecotourism Information Ressource Center)

Almaty, ulitsa Tulebajewa 174 / Ecke ulitsa Schewtschenko und ulitsa Kurmangazy

Tel. +7 (727) 2 72 39 60
Fax +7 (727) 2 72 53 63
E-Mail ecocentre.kz@gmail.com, kasachstanreisen@aol.com (deutsch)
Website www.eco-tourism.kz
Öffnungszeiten Mo-Fr 09.00-18.00

Göstehöuser im Gebiet Ugam (Tönkeris, Kaskasu, Dichankol, Lenger)

Verein „Ugam“, Adilkhan Abdeschev
Gebiet Südkasachstan, Kreis Tole Bi, Lenger, ulitsa Jubilejnaja 22

Tel. +7 32547 61348 oder 62055, +7 701 2220328
E-Mail a3@ok.kz, a3ugam@mail.ru
Website www.ugam.kz